Unterwegs auf matschigen Pfaden – Pilgern in Franken (Reportage & Kommentar)

„Sie suchn den Wanderwech, ne? Der‘s da furn is der, da hinten!“, schreit mir der Fahrer eines orangefarbenen Gemeindeautos entgegen und deutet auf den waldbewachsenen Hügel etwa 200 Meter links von mir. Er ist der erste Mensch, dem ich seit heute Morgen begegne. „Äh ja, danke…“ — ich stehe mitten auf der kaum befahrenen Verbindungsstraße von Oberbüchlein nach Sichersdorf, der über sieben Kilogramm schwere Rucksack drückt auf meine Schultern und kühler Regen nieselt mir aus einer einheitlich grauen Wolkendecke ins Gesicht. Ich habe die weiße Jakobsmuschel auf blauem Grund, das Wanderzeichen, dem ich eigentlich folge, im letzten Ort verloren und statt umzudrehen und nach ihm zu suchen, bin ich einfach weiter gelaufen, auf den nächsten Ortsnamen zu, den ich in meinem Reiseführer gelesen hatte.

Was ich hier mache? Die weiße Jakobsmuschel auf blauem Grund markiert zwei der drei Jakobswege in Franken. Der Weg, den ich gerade verloren habe, ist einer von ihnen. Er führt von Nürnberg nach Rothenburg ob der Tauber, etwa 85 Kilometer über Wiesen, durch Wälder und kleine Orte und wurde am 25. Juli 1992, am Jakobustag, von Paul Geißendörfer, damals Pfarrer in Heilsbronn, wieder ins Leben gerufen — am 29. Juli diesen Jahres feiert die Fränkische St. Jakobusgesellschaft, die evangelisch-lutherische Kirchengemeinde und die Stadt Heilsbronn das 20. Jubiläum. Es ist also nicht einfach irgendein Wanderweg — es ist ein alter Pilgerpfad, den mittelalterliche Pilger vermutlich entlang gingen, um von Jakobskirche zu Jakobuskirche irgendwann nach Santiago de Compostela zu gelangen, zum spanischen Wallfahrtsort, in dem sich das angebliche Grab des Apostels Jakobus befindet.

Jakobswege gibt es in ganz Europa. Eigentlich ist der „Camino de Santiago“, wie der Weg auf Spanisch heißt, ein ganzes Wegenetz. Entgegen der weit verbreiteten Meinung ist der „Camino Francés“, das bekannteste Stück des Jakobsweges, nämlich nur die letzte Etappe auf dem Weg nach Santiago de Compostela, die letzten 800 Kilometer im Norden Spaniens, auf den fast alle Jakobswege irgendwann treffen.

Ich bin noch ganz am Anfang meiner Pilgerreise. Drei Tage lang werde ich von Nürnberg aus unterwegs sein, am ersten Abend in Heilsbronn, am zweiten Abend in Lehrberg übernachten um am dritten Abend hoffentlich in Rothenburg anzukommen. Dann werde ich mit dem Auto nach Hause fahren und meine Pilgerreise irgendwann ab Rothenburg fortsetzen — ein Pilgern in Etappen also, unterbrochen vom „normalen“ Alltag. Viele moderne Pilger machen das so, die meisten wahrscheinlich aus zeitlichen Gründen.

So wie ich machen sich in letzter Zeit immer mehr Menschen auf, um Pilgern zu gehen. Die Beweggründe können verschieden sein, ob nun religiöser Art oder nicht.

In Foren wird heftig diskutiert, was ein „echter“ Pilger sei, es werden Routen geplant, das Rucksack-Packen optimiert und Erlebnisse erzählt. Es gibt unzählige Blogs und Bücher zum Thema und selbst auf der deutschen Facebook-Seite des Jakobswegs tummeln sich bereits fast 3000 Pilgerbegeisterte. Rechnet man die „Fans“ der verschiedenen deutschen „Jakobsweg“- Seiten auf Facebook zusammen, kommt man sogar auf über 10 000 Facebook-Nutzer. Pilgern ist „in“ — spätestens seit Hape Kerkelings Buch „Ich bin dann mal weg: Meine Reise auf dem Jakobsweg“, das 2006 erschienen ist.

Da stellt sich vielen die Frage, ob das alles überhaupt noch etwas mit dem ursprünglichen Begriff des Pilgerns zu tun hat. Wird der Jakobsweg nicht sogar immer mehr kommerziell missbraucht?

Paul Geißendörfer, der Wiederentdecker der Jakobswege in Franken, stimmt zu, dass das Pilgern auf alten Pfaden inzwischen zur Mode geworden ist. „Sie können natürlich so zum Vergnügungswanderpfad und als Attraktion missbraucht werden, manchmal auch als Trimmdichpfad“, stellt er fest. Eine echte Pilgerschaft sei aber mit einem Sinneswandel verbunden. „Das Pilgern ist durch den Grundgedanken populär geworden, dass es Sinn hat, Auszeit zu nehmen, Abstand zu gewinnen und Werte zu erkennen, die vernachlässigt werden“, erklärt er. Früher sei das Pilgern auch oft mit einer Bussübung oder Sühne verbunden gewesen — dieses (1/3) Motiv ist seit Martin Luther und seiner Ansicht gegen den Heil stiftenden Charakter der Buße aber nicht mehr so weit verbreitet.

Ich laufe weiter und frage mich, wie weit es wohl noch bis zu meinem ersten Mittagsziel, Roßtal, ist. Ob ich wohl wie geplant vor Einbruch der Dunkelheit in Heilsbronn ankommen werde? Schließlich ist erst Ende Februar, die Tage sind noch kurz. Und die Landschaft sehr karg. Zwar liegt kein Schnee mehr und die Temperaturen sind bei etwa zehn Grad, das Grün der Wiesen sieht aber noch etwas blass aus und die bräunlich-gelben Stoppelfelder wirken in diesem Licht langweilig und trist. Kurz nach Sichersdorf biege ich in den Wald ein und befinde mich wieder auf dem Jakobsweg. Es ist still und menschenleer, das einzige Geräusch ist der Wind, der durch die Bäume streift. Ab und zu höre ich einen Vogel rufen. Der Geruch von nassem Waldboden liegt in der Luft. Genau so hatte ich mir das vorgestellt — Stille, Ruhe, Zeit zum Nachdenken, weit weg vom oft viel zu hektischen Uni-Alltag.

Die Suche nach Abstand zum Alltag ist nicht neu. „Der Pilgerweg hat auch im Mittelalter schon Abenteurer und Aussteiger angezogen“, merkt Dr. Oliver Gußmann an. Er ist Touristen- und Gästepfarrer aus Rothenburg und hat sich schon oft über die Motive des Pilgerns Gedanken gemacht. In einem Referat zu diesem Thema stellt er fest, dass es heute neben traditionellen Beweggründen, wie der Suche nach dem Sinn des eigenen Lebens oder der Suche nach Gott, auch ein paar neue Motive gebe, wie etwa die Suche nach Langsamkeit oder Herausforderungen. „Gegenwärtig spielt sicherlich auch der Gedanke eine Rolle, auf einem alten europäischen Kulturweg zu gehen“, fügt er hinzu.

Ein oftmals übersehener Unterschied liege aber in der Rückkehr der Pilger: Heute gingen die meisten Menschen nur in eine Richtung zu Fuß, um dann mit dem Auto, der Bahn oder sogar dem Flugzeug heim zu kehren. Dieses Heimkehren passiere also viel schneller, als der Rückweg im Mittelalter, der wie der Hinweg zu Fuß geschah und es dem Pilger ermöglichte, sich wieder auf die Heimat einzustellen und Vorsätze zu fassen. „Ich möchte fast behaupten, der heutige Pilger geht den Jakobsweg leider nur zur Hälfte“, schreibt Dr. Oliver Gußmann.

Als ich an der kleinen katholischen Kirche in Roßtal, meinem ersten Mittagsziel, vorbeilaufe, schlägt sie genau zwölf Uhr. Ein paar Schritte weiter spricht mich ein in Mantel und Mütze eingehüllter Mann an. Er stellt sich als Pfarrer der kleinen Kirche vor und fragt mich gleich, ob ich auf dem Jakobsweg unterwegs sei. Er erzählt, dass er hier im Sommer oft Pilger treffe und dass die Gemeinde Roßtal jedes Jahr am 1. Mai zusammen die Strecke bis nach Heilsbronn laufe.

Auch ich mache mich nun auf den Weg dorthin. Es ist immer noch düster, es scheint heute gar nicht richtig hell zu werden. Der Weg führt mich hauptsächlich an Feldern und am Waldrand entlang. Der Boden ist matschig, es nieselt nach wie vor. Der Wind hat zugenommen, mir wird kalt. Ich ziehe die Kapuze meiner Jacke über den Kopf und folge stur den Markierungen. Langsam beunruhigt mich die Stille etwas. Stundenlang treffe ich niemanden, wenn ich jetzt hinfalle und mich verletze, dann… Ich schiebe den Gedanken beiseite und stapfe weiter vorwärts. Die Landschaft um mich herum verändert sich kaum, mal Feld, mal Wald, irgendwie sieht heute eh alles gleich aus. Meine Füsse fangen an weh zu tun — ich bin es nicht gewohnt, in diesen festen Wanderschuhen zu gehen. Bei jedem Schritt zieht ein stechender Schmerz durch meinen ganzen Fuß. Aber weit kann es ja nicht mehr sein…

Als ich gegen 17 Uhr bei meiner Herberge ankomme, bin ich hundemüde. Erstmal raus aus diesen Schuhen — erschöpft lege ich mich auf das große, weiche Bett in meinem kleinen Zimmer und starre die hellblauen Wände an. Mein Kopf ist leer, der Geruch nach Kuhmist und Waldboden liegt in meiner Nase und ich fühle mich, als würde ich immer noch laufen, immer weiter geradeaus.

Am nächsten Morgen schaue ich in der Apotheke gegenüber vorbei. Der Wirt meiner Herberge hat mir vier Euro Pilger-Rabatt gegeben, die investiere ich jetzt in eine Sportbandage, die ich um meine schmerzenden Knöchel wickle. Der Apotheker, der mich dabei beobachtet, bejaht meine Frage, ob er hier oft Pilger treffe. „Das scheint irgendein Bedürfnis zu sein“, sagt er nachdenklich und sieht aus dem Fenster.

Mit umwickelten Knöcheln mache ich mich auf den Weg. Nach ein paar Metern durch den Wald kommt die Sonne heraus und lässt die vertrockneten Blätter am Boden orange und gelb (2/3) aufleuchten. Die Vögel zwitschern und meine Stimmung hebt sich, die schmerzenden Füsse sind längst vergessen.

Ich denke über die Worte des Apothekers nach. Ein Bedürfnis, aber wonach? Hätte es nicht den gleichen Effekt, einfach wandern zu gehen… Wo liegt da eigentlich der Unterschied?

Manfred Zentgraf, der schon seit 1990 Spezialist für Jakobspilger ist, sieht den Unterschied vor allem im Ziel der Pilger. „Nehmen Sie einem Jakobsweg das Ziel Santiago weg, dann bin ich sicher, bricht auch die Attraktion des Weges weg“, erklärt er. Das Ziel bestimme den Pilgerweg, dem Weg selbst komme dadurch eine Bedeutung zu. Pilgerreisen seien ein individuelles Unternehmen, „getrieben von der eigenen Sehnsucht nach einem Unbekannten“.

Wie nah sich aber Wandern und Pilgern sein können, beschreibt Manfred Zentgraf so: „Viele, die als Wanderer aufgebrochen sind, scheinen irgendwann auf dem Weg zum Pilger geworden sein und entdecken mehr als nur eine interessante Wanderstrecke.“

„Na, Sie sind schon ein bisschen länger unterwegs, oder?”, fragt mich ein Mann mit schneeweißen Haaren und stützt sich auf seinen Spazierstock. Sein Hund, ein zotteliger, träge wirkender Golden Retriever, der auf den Namen „Hubi” hört, wühlt am Wegrand mit der Schnauze im Dreck. Der Mann sieht mich neugierig an, ich nicke. Als ich erkläre, dass ich auf dem Jakobsweg unterwegs nach Lehrberg sei, leuchten seine Augen. Er zeigt auf den Ort, der etwa hundert Meter weiter im Tal beginnt. Es ist Weihenzell, ich habe bereits über die Hälfte des heutigen Weges hinter mir. „Von da aus ist es nicht mehr weit!”, sagt er mit einem freundlichen Lächeln.

Ich laufe in den Ort hinunter. Was ist schon weit? Mit dem Auto ist es sicher nicht weit, zu Fuß dagegen sind zwölf Kilometer schon ein Stück…

Ich ruhe mich erstmal auf einer Bank aus, lockere meine Schuhe und knabbere an einem Stück Brot. Die Sonne scheint mir ins Gesicht, ich schließe die Augen. Eigentlich reicht es mir jetzt wieder, eigentlich hab ich keine Lust mehr, weiter zu laufen.

Wahrscheinlich wäre es besser gewesen, ich hätte auf dieses Gefühl gehört. Die letzten zwölf Kilometer werden zum Kampf gegen meine Trägheit, ich komme ständig vom Weg ab und laufe dann frustriert an der Straße entlang. Ich fühle mich müde und erschöpft, ich verfluche meine Schuhe, aber die Angst, nicht anzukommen bevor es dunkel wird, treibt mich voran. Gleichzeitig wird mir klar, dass ich mir gerade selbst viel zu viel Druck mache und dadurch die ganze Ruhe verliere, die ich während meiner bisherigen Reise gewonnen hatte.

Zwar bin ich, als ich abends in Lehrberg ankomme, stolz auf mich, nicht aufgegeben zu haben — trotzdem werde ich das Gefühl nicht los, dass das nicht mehr viel mit Pilgern zu tun hatte. Meine Füsse schmerzen, mein Rücken tut weh und ich beschließe, morgen nur so weit zu laufen, wie es wirklich geht.

Meine Pilgerreise endet am nächsten Mittag in Colmberg, etwa 22 Kilometer von Rothenburg entfernt. Wäre ich ein Pilger im Mittelalter, müsste ich nun wohl hier bleiben, bis es meinen Füssen besser geht…

Zwei Stunden später sitze ich im Auto meiner Eltern, die mich in Colmberg abgeholt haben. Wir sind auf den Weg nach Rothenburg — auch wenn ich es nicht mehr zu Fuß schaffe, möchte ich mein Ziel noch sehen. Über 20 Minuten dauert die Fahrt. Dicke Regentropfen trommeln gegen das Fenster. Ich sehe zu, wie die graue Landschaft an mir vorbeizieht und bin froh, im Warmen zu sitzen. Ich beschließe, meine Reise irgendwann fortzusetzen, aber anders. Mit mehr Zeit, weniger fester Planung, bei schönerem Wetter und, vor allem, mit anderen Schuhen.

 

Kommentar: Ich bin dann auch mal weg

Tausende machen sich auf den Weg, jedes Jahr sind es mehr. Auch ich wollte mir das nicht entgehen lassen, habe meinen Rucksack gepackt und bin losmarschiert — tschüss Alltag, auf ins Abenteuer! Oder in die Stille? Vielleicht erfahre ich auch eine spirituelle Erleuchtung oder verirre mich im Wald, um dann wenigstens zu mir selbst zu finden.

Spätestens seit Hape Kerkelings Buch „Ich bin dann mal weg“ ist vielen von uns klar: Pilgern ist das Allheilmittel gegen Sorgen, Selbstzweifel und Langeweile. Der Alltag rückt in weite Ferne, die Natur und die Einsicht umso näher. Wie viele Menschen sich danach sehnen, bezeugt die steigende Zahl der Pilger. Aber gehen wir langsam nicht doch zu weit?

Ist das Pilgern ein berechtigter Grund, den Job und die Wohnung zu kündigen? Eine schwierige Frage, deren Antwort jedem selbst überlassen bleiben muss. In virtuellen Foren erzählt man sich von Leuten, die Hab und Gut aufgegeben haben um Pilgern zu gehen und dabei ein neuer Mensch geworden sind.

Zunehmend beschäftigen weitere Fragen die vernetzten Pilger: Was ist ein „echter“ Pilger? Darf man sich auf fremd organisierte Pilgerreisen einlassen? Macht es etwas, dass ich nicht religiös bin? Wo fängt der „Camino de Santiago“, der Jakobsweg, eigentlich an? Und ist es noch „mein Camino“, wenn andere ihn finanzieren?

Warum so kompliziert? Bei dem Gezanke über „echte“ und „unechte“ Pilger, „meinen“, „deinen“ und „unseren Camino“ sollte man nicht vergessen, dass das Pilgern im Unterschied zu Wallfahrten etwas Individuelles ist. Getrieben von der eigenen Sehnsucht macht sich der Pilger auf, nimmt die dabei entstehenden Risiken auf sich und schert sich nicht um die Meinung anderer. Denn letztendlich geht es um seine Überzeugung — er hat ein Ziel, einen Wunsch, einen inneren Antrieb und nur er kann entscheiden, ob und wie diese Reise das Richtige für ihn ist.

Warum also über die Details streiten? Es hätte doch viel mehr Sinn, einfach mal loszulaufen und zu sehen, was der Weg mit sich bringt — ob nun als „echter Pilger“ oder einfach nur als Mensch.

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